NATALYA

Veröffentlicht am 30. Januar 2022
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„Oah – Arsch!“ vernahm ich, eher zischend von meiner rechten.

Wohl nicht böse gemeint, eher äußerst bewundernd, doch zuordnen konnte ich diesen Ausbruch von Jacek bislang nicht und blickte zu ihm. Nachdem ihm meine Aufmerksamkeit zuteil wurde, sah‘ ich auch, wo ihm der Schuh, oder irgendetwas anderes drückte.

„Sag‘ mal kriegst Du eigentlich irgendwas mit?“, fragte Jacek und deutete auf zwei Mädchen, die sich auf dem kurzen Grünstreifen vor der Schule bequem machten.

„Jacek, ich habe gerade diese Klausur verbockt und ich versteh’s einfach nicht. Im Prinzip schreibe ich doch dasselbe, wie Du. Die olle Schaff hat was gegen mich, anders kann ich das nicht deuten!“

„Babo, ey mach Dich mal locker und schau Dir das mal an. Die Aussicht ist viel zu schön, als sich diesen Tag noch von der Schaff vermiesen zu lassen!“, erlaubte sich Jacek und deutete auf die beiden – zugegeben – äußerst nett anzusehenden Mädels, die sich mit Ihrem Rücken zu uns direkt vor unseren Augen befanden.

Der hatte gut reden. Er hatte ja auch kein Problem mit der deutschen Sprache. Ich schon. Und irgendwie wollte ich ja auch mit einem halbwegs vernünftigen Abiturschnitt rechnen, doch gelingen wollte mir das nicht.

Die erwähnten selbst lachten und genossen den Tag offenbar genauso, wie mein bester Freund Jacek. Über was genau sie lachten, wusste ich nicht, doch es war – zugegeben – ein wahrlich schöner Anblick.

„Nur noch zwei Stunden, dann ist Wochenende. Du hast die beiden den ganzen Tag, ich seh die nur alle paar Stunden mal“, meinte er enttäuscht.

Die eine der beiden erwähnten war meine Halbschwester und die andere ihre beste Freundin. Beide waren tatsächlich eine Augenweide. Zudem machten sie sich offenbar einen Spaß daraus, uns „Typen“ um den Verstand zu bringen. Ich fügte meinem Seufzer über die missratene Klausur hinzu „Dir ist schon bewusst, dass meine Zicke von Schwester meine Zicke von Schwester ist?“, fragte ich Jacek, als der Schulgong ertönte.

Zicke war wohl ganz recht, denn wir sahen uns in den letzten Monaten des öfteren einem handfesten Streit ausgesetzt. Belangloses. Eigentlich. Unsere Eltern waren machtlos. Ich hatte keine Ahnung, wie das passieren konnte, aber es gab Tage, an jenen redeten wir kein Wort mehr und gingen uns aus dem Weg. Schade eigentlich, denn irgendwie hing ich an meiner Schwester. Sehr sogar.

Noch Bio und dann hatten wir es hinter uns – für diese Woche. In ein paar Tagen schon sollten wir die letzten Sommerferien als Schüler dieser mittelprächtigen Schule genießen. Die zwei standen auf und grinsten zu uns herüber. „Tatsächlich alles eingebaut, was Spaß macht…“, stellte Jacek fest, als die zwei an uns vorbeiliefen und wir ihnen nachschauten.

Mädchen waren dieser Tage sehr geübt darin, wirklich allen Jungs den Verstand zu rauben. Meine Schwester konnte das besonders gut. Da war zum Beispiel ihr String-Tanga, jener im Moment über ihrer ziemlich knapp geschnittene Jeans quasi leuchtete wie der Nordstern. Selbige verpackte ein wahrhaft aufregendes Fahrwerk, welches in diesem Moment an uns vorbei lief.

Zugegeben, es war schwer, unsere Begeisterung zu verbergen – und die beiden stellten das mit Sicherheit fest. Kichernd und glucksend verschwanden sie in der großen Eingangshalle unserer Schule. „Jacek, Deine Klappe ist eine Klappe. Die kann man auch zuklappen!“, erboste ich mich.

So gingen die letzten Stunden vorbei und ich war nach einer etwas anstrengenderen Fahrradtour von unserer Schule endlich zurück in meinem Zimmer und starrte auf die Decke.

Ich war im Arsch. Ich hatte definitiv nicht nur einen Schnupfen weg, so fand ich, wohl etwas zu wehleidig. „Männergrippe!“, titulierte das meine Schwester. Ich würde wohl sterben. „Ach diese weinerlichen Typen…!“

Mama und Papa waren über das Wochenende nach Frankfurt gefahren und ich war alleine zuhause. Geflohen in mein Zimmer, da der Garten an diesem Nachmittag für mich quasi nicht benutzbar war, sofern ich an dem Problem in meiner Hose keine Fahne hätte aufhängen wollen. Kendra und Natalya sonnten sich in unserem Garten, nachdem sie einige Zeit im Pool planschten.

Ich war wohl in den Tagen zuvor etwas zu lange im Wasser geblieben und hatte mir etwas eingefangen. Nach einem Nickerchen war ich zwar immer noch wie gerädert, aber die Kopfschmerzen vergingen und auch der Schnupfen löste sich. Also versuchte ich es mit einem Spielfilm. So wollte man in meinem Alter bestimmt keinen Freitagabend verbringen, doch Bruce Willis schaffte es irgendwie, mich von allem abzulenken. „Stirb langsam, na das passt ja!“, dachte ich.

Doch konzentrieren konnte ich mich auf den Film nicht. Mir ging immer noch dieser String-Tanga meiner Schwester durch den Kopf. Ertappt zuckte ich zusammen. Verbotene Gedanken.

Es passte irgendwie alles. Nicht. Erst die verbockte Englisch—Klausur, dann auch noch das mit Sabine. So ein verdammter Mist. Ach ja, das mit Sabine.

Eigentlich hätte ich wegen Sabine am Boden zerstört sein müssen. Sabine war fremdgegangen, so hatte ich es zumindest mitbekommen. Sie und ich waren seit 4 oder 5 Jahren ein Paar und hatten doch nur eine platonische Beziehung. Ich wollte in der letzten Zeit deutlich mehr, doch viel dabei herausgekommen ist nicht. Sabine selbst war eigentlich ein scharfer Feger. Ich kannte sie schon, seitdem ich in diese Schule gekommen bin, naja, nicht sofort. Ich bin halt eine Stufe sitzen geblieben und kam verspätet in diese Klasse, in der dann auch meine Schwester, Kendra und Sabine verweilten. Ein – mit Verlaub – komisches Gefühl. Später, in der Oberstufe, wenn man gesiezt wurde, war das noch einmal mehr schräg.

Irgendwann ist es mit Sabine halt passiert und ich hatte niemals über andere Mädels nachgedacht. Man musste wohl eine Freundin haben, weil sich das so gehört. Doch das Trara darum konnte ich nicht verstehen. Es war nichts besonderes für mich. Wie falsch ich lag, wusste ich damals noch nicht.

Wir hatten auch einen Urlaub miteinander verbracht, doch die waren eher anstrengend. Meine Schwester und sie – das passte mal gar nicht. Es war eine fast schon gefährliche Reagenz, die permanent drohte, zu explodieren. Ständig war eine von den beiden beleidigt.

Sabine und ich hatten uns zuletzt immer mehr voneinander entfernt. Vielleicht war sie auch einer der Gründe, warum das Verhältnis zu meiner Schwester äußerst schwierig war, doch ich hatte die Prioritäten damals noch ganz anders ausgelegt. Zudem kamen mir meine schulischen Probleme in die Quere. Ich hatte mit meinen sprachlichen Fähigkeiten zu kämpfen. Schreiben war sehr schwer für mich. Es ging mir einfach nicht von der Hand. Das schlug sich in meinen Zensuren nieder. Irgendwie ging das dann auch wegen meiner fehlenden Zeit immer mehr in die Brüche. Und dann, tja, dann war’s wohl passiert.

Torsten, ein Typ aus unserer Klasse, hatte sie flachgelegt. Genau der Typ, der auf alles draufsprang, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Torsten war einer dieser Widerlinge, die alles und jeden nieder machten. Ein Intrigant. Hänseleien waren nicht sein einziges Hobby. Die örtliche Tuningszene aus unserem Kaff hatte es ihm zusätzlich angetan. Ob an seinem Wagen alles eingetragen war, was er sich an Anbauteilen, Turboladern und Ladeluftkühlern vom Geld seiner Eltern zugelegt hatte und auf dem McDonalds-Parkplatz im Nachbarort regelmäßig zur Schau stellte, will ich mal besser nicht in Frage stellen. Die Kiste, die er da so dermaßen rücksichtslos durch unser Dorf fuhr, die konnte einem schon gewaltig auf den Zünder gehen. Jeder konnte zumindest hören, wo er sich gerade befand. Ein widerlicher Schnösel neureicher Eltern.

Sein Import war vor ein paar Wochen eher unvorsichtig hinter einer Zelt-Diskothek in Duisburg geparkt. Beschlagene Scheiben hinderten dann wohl nicht vollends am Durchblick.

Es hatte tatsächlich einen Eklat gegeben, als die beste Freundin meiner Schwester an ihrem kleinen Mini die Scheinwerfer anstellte. Sie wollte eigentlich gemeinsam mit meiner Schwester nach Hause fahren. Kendra war cool. Eine, mit der man reden konnte. Sie hatte für alles und jeden einen Rat.

Doch das, was sie auf diesem Parkplatz sah, war offenbar zu viel für sie. Ende mit Coolness. Seitdem hatte der Wagen von Torsten eine bleibende Erinnerung von ihr, nämlich einen sauberen Fußabdruck ihrer Chucks, die man zu dieser Zeit so trug.

Und so kam wohl vor ein paar Wochen so ziemlich alles heraus. Kendra und meine Schwester kümmerten sich die nächsten Tage rührend um mich, doch das war alles gar nicht so notwendig, wie ich immer wieder befand.

Ich wollte meine Ruhe haben. Verwundert musste ich jedoch feststellen, dass sich die Beziehung zwischen meiner Schwester und mir seitdem schlagartig wieder zum Guten wandelte. Gottseidank, meinte ich damals – zuvor noch zweifelnd an mir selbst. Konnte ja nicht sein, dass ich mit Mädchen überhaupt nicht klarkam. Überhaupt, wer verstand die schon – gab ja noch nicht mal eine Bedienungsanleitung oder ein Fremdwörterbuch dafür.

Tja, seit diesem Zeitpunkt war ich „solo“ – so sagte man das damals wohl. Eine ziemlich neue Erfahrung. Jacek, mein bester Kumpel, fand das super. Er meinte, ich könne jetzt endlich mal das Leben genießen. Er brannte schon darauf, mit mir die neuen Diskotheken im Umfeld zu besuchen. Der arme Schwerenöter. Der musste wohl viel eher als ich mal lernen, wie schön das ist. Oder auch nicht. Naja, wenn es eine echte Männerfreundschaft gab, dann zwischen Jacek und mir. Zwischen uns kam und kommt niemand.

Es ging auf das letzte Schuljahr zu. Damals gab es noch dieses Schuljahr, und gerade das war wohl – wie ich rückblickend erwähnen darf – das allerwichtigste für meine Menschwerdung. Ich bedaure zutiefst, dass Schülern heutzutage dieses Jahr Lebenszeit genommen wird.

Ich hatte gerade meinen Führerschein erworben und war richtig stolz. Den hatte ich in derselben Fahrschule gemacht, wie Jacek, der gemeinsam mit mir eine Ehrenrunde in der Schule drehte. Wir zwei Rabauken wären zwar noch nicht reif für die Straße, wie unserer Fahrlehrer meinte, hatten aber nur 10 Stunden Praxis gebraucht, bis wir fehlerfrei durch die Prüfung kamen. Zwar wurden wir von unseren Eltern dabei unterstützt, doch die Hälfte der Kosten mussten wir selbst tragen. Ich arbeitete damals an einer DEA-Tankstelle und Jacek im Fernsehladen seines Vaters.

Meinem Paps war natürlich ganz recht, dass wir beide den Führerschein hatten, denn so konnten wir zwei der insgesamt 4 Transits fahren, die er eigens für einen seiner gemeinnützigen Vereine in der nächsten Großstadt angeschafft hatten. Das war sein Plan und er liebte es, wenn ein Plan funktionierte.

Trotzdem waren wir genötigt, zuvor ein ganzes Wochenende auf einem Verkehrsübungsplatz zu verbringen, um mit einem Lehrer eines deutschen Verkehrsclubs mal richtig „Fahren“ zu lernen. Fortan arbeiteten wir für jenen Verein, der von den vielen Einzelhändlern und Supermärkten die Bruchware und das überschüssige Essen für die Bedürftigen einsammelten, jene sich besonders am Monatsende nicht mehr viel leisten konnten.

Ab und an arbeiten wir auch im Lager und sortierten Kleidung oder Kinderspielzeug. Am schönsten war es immer zu Weihnachten, wenn wir mit vielen anderen zusammen gemeinsam warme Mahlzeiten zubereiten konnten.

So lernten wir neben Demut auch unserer Dorf und die Landeshauptstadt besser kennen. Sicher, ab und an habe ich auch mal eine Schramme in dieses „Kölner Riesenungeheuer“, wie ich es nannte, hineingefahren, doch ich kam immer besser damit klar. Es war schön, die vielen Händler zu besuchen und alle klopften uns auf die Schultern. Viele unterstützten das Vorhaben unseres Vereins. Hier und da gab es mal eine Cola oder ein Eis oder auch mal ein Rosinenstütchen mit Käse. Alleine auf der Straße, an den vielen Nachmittagen, ging es mir gut. Ich hatte meine Routen im Kopf und bekam eine bessere Orientierung.

Nur Jacek sah ich dadurch deutlich seltener. Wir hatten zwar beide denselben Nebenjob, doch unterschiedliche Routen. In den Sommermonaten, besonders in den Ferien, hatten wir so tatsächlich auch mal ein wenig Geld. Es war zwar nicht viel, dennoch reichte es, um sich Ersatzteile und Sprit für das Auto zu leisten. Meine kleine Zicke, so wie ich meine Schwester nannte, war indes immer in der Kleiderkammer und deren Ausgabe aufzufinden. Beim Ausladen trafen wir uns manchmal wieder. Dann fuhren wir noch „irgendwohin“ und ließen es uns gut gehen. Meist war es ein See eines Surfclubs in der Nähe oder die Rheinwiese in der Nähe unserer Landeshauptstadt. Zumindest jetzt war auch meine Schwester wieder dabei und ab und an trafen wir dann auch ihre beste Freundin Kendra.

Der Verein selbst war wohl ein Teil des Gewissens meines Vaters. Ihm – und damit unserer Familie – ging es über die Maßen gut. Mit dem Verkauf seiner Unternehmensanteile hatte er schon vor langer Zeit einen guten Schnitt gemacht und kümmerte sich fortan primär um das Gemeinwohl.

Er hatte ziemlich gute Ideen und einige besprach er zu gerne mit uns. Er konnte sich schnell für etwas begeistern, manches waren doch auch Luftnummern, wie er herausfand. Er sagte immer „wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“. Nebenbei hatte er die Nase in das Immobiliengeschäft gesteckt und hinterließ überall mal wieder einen Prachtbau, jener schon weit vor Fertigstellung verkauft war. Seine Leidenschaft waren Jugendstil und Renovierung. Dazu etablierte er eine neue, kleine Firma voller richtig netter Handwerker. Sie konnten sich vor Aufträgen kaum retten und die Vorschläge von Hannes wurden nur zu gerne umgesetzt.

Unmittelbar nach meiner Geburt ist meine Mama gestorben. Ich hatte sie niemals kennengelernt. Meine um ein Jahr jüngere Schwester stammte aus einer Affäre von Paps mit der Frau, die Hannes anschließend heiratete. Man meinte, Hannes hätte seinen Kummer über den Verlust meiner Mutter mit ihr ertränkt, war sie doch seine Angestellte in dem Unternehmen, welches er bereits vor einiger Zeit gewinnbringend veräußerte.

Leider ging auch diese Ehe vor einigen Jahren in die Brüche und so waren wir eine Zeit lang nur noch zu dritt in diesem „Ding“, wie er es nannte.

Ich kann gar nicht mehr richtig an seine zweite Ehefrau erinnern, Natalya war damals 6 und ich 7, als sie sich trennten. Es gab keine Streitereien um das Sorgerecht auch wenn rechtlich damals wohl noch problematisch und Väter meist das Nachsehen hatten. Natalya’s leibliche Mama wurde nicht vermisst, zumindest nicht von uns. Sie hatte recht wenig – eher überhaupt nichts – für uns übrig, mehr doch für das Nachtleben. Papa hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass das Thema „Treue“ in dieser Familie wohl ein Problem war und gerade er hatte damit besonders zu kämpfen.

Hannes mochte das Haus vielleicht auch deswegen nicht, denn es war so „siebziger“, wie er es nannte. Vielleicht waren auch zu viele Erinnerungen darin. Ein Umstreichen der vielen Brauntöne in ein helles Weiß und hier und da ein wenig lichtes Grau, sowie ein Raumdesigner halfen ihm und uns, die letzten Nachlässe seiner letzten Frau zu übermalen. Vieles flog damals nicht einfach so in den Sperrmüll, sondern ging an ein Sozialkaufhaus als Spende. Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war eine Woche in den Sommerferien, als wir den vielen Erinnerungen von Paps den Garaus machten und bei 30 Grad im Schatten alles neu einrichteten.

Papa wollte zwar immer mal wieder etwas kleineres, doch Natalya und ich hatten uns nur zu sehr an dieses Haus gewöhnt. Aber nicht aufgrund der luxuriösen Größe, weswegen es eine Hausangestellte brauchte – Natascha – eine wirklich treue Seele.

Das Haus selbst gehörte irgendwie zu uns, hatten wir hier doch unsere Kindheit verbracht. Außerdem hatte es Platz für Papa’s Hobby, seinen alten 356er, den er wirklich liebevoll restaurierte. Ab und an konnte ich so ein paar Stunden mit ihm verbringen und ich lernte so auch eine Menge über Fahrzeuge, Bleche und Originalzustände – einige Ersatzteile waren wirklich schwer zu bekommen. In Holland wurden wir öfters fündig, nachdem wir unzählige Male auf Veranstaltungen für Oldtimer waren.

Meine Schwester und ich hatten das ganze Obergeschoss für uns alleine, inklusive eines wahrhaft ansehnlichen Badezimmers. Natascha schimpfte zwar ab und an über unsere Unordnung, doch irgendwann gelang es uns, den oberen Bereich des Hauses auch ohne Hilfe in Ordnung zu halten, ganz zur Freude unseren treuen Seele, die fortan nicht mehr so oft hinter uns herräumen musste. Es passierte doch noch, dass aus den beiden verzogenen ein par doch ganz ansehnliche Kinder wurden, wie sie fand.

Meine Schwester, Natascha und ich hatten eine ganze Zeit lang richtig Sorgen um Hannes, unseren geliebten Papa. Irgendwann jedoch wandelte sich sein Gemüt, ganz zur Freude von uns beiden, denn er fand seine neue Liebe in dem Verein, den er mit einigen anderen Freunden aus seinem Dorf gegründet hatte.

Anastasia war oberflächlich gesehen ähnlich hübsch wie Natalya’s leibliche Mutter, doch sie hatte über ihre Schönheit hinaus noch einiges mehr zu bieten. Sie war ein wahres Organisationstalent, liebevoll, warmherzig und ein Mensch, mit dem man hätte Pferde stehlen können. Das fanden wir schnell heraus. Und so kam es auch, dass wir sie in unser familiäre Ritual, das gegenseitige „Streiche“ spielen, schnell integrierten. Immer mal wieder passierte irgendwas. Nur völlig unerwartet, mit dem Resultat eines schallenden Gelächters und mindestens einer ziemlich laut fluchenden Person.

Eine Woche zuvor zum Beispiel war ich das. Natalya hatte es mal wieder geschafft. Sie wusste nur zu gut, dass ich nach dem Schwimmen immer mal gerne ein Glas Cola light trank, danach rülpste wie Affe, und das Ding mit den Mentos-Drops ausprobiert. Es ist ihr hervorragend gelungen. Mit ein Indiz dafür, dass zwischen meiner Schwester und mir wieder alles in Ordnung war.

Anastasia selbst haben wir alle in unser Herz geschlossen und so waren wir wieder komplett. Irgendwie völlig durcheinander und chaotisch, aber doch schon cool. Und wir konnten über alles reden. Offen. Naja, nicht alles, ihr wisst schon, aber über vieles.

Die Parties, die wir in unserem Haus feiern konnten, wenn Papa und Anastasia denn mal weg waren, die waren auch nicht zu verachten. Nicht selten war ein großer Teil unserer gemeinsamen Klasse da und sie ließen es sich wahrlich gut gehen. Klar hatte Jacek schon oft ein Auge auf meine Schwester geworfen, doch sie war für ihn einfach nicht „rumzukriegen“. Ich hatte jedoch nichts gegen seine vielen, dennoch vergeblichen „Anwerbeversuche“.

Natalya war sowieso ein Fall für sich. Sie hatte ein wunderschönes Gesicht, hohe Wangenknochen, eine liebliche, kleine Stupsnase und fantastische Lippen, auf die sie sich zu gerne biss. Das sah – umrahmt von ihrem frechen Pagenschnitt – schon in jüngeren Jahren so dermaßen – nunja – erotisch aus, dass ich sie – sofern sie nicht meine Schwester wäre – umgehend an den Haaren in meine Höhle gezogen hätte.

Sie hatte eine unglaublich zierliche Figur, war einen Kopf kleiner als ich, und sie hatte eine Menge Verstand darin. Ihr Ding waren Sprachen. Sie sprach damals schon fließend Französisch und Spanisch – zudem Russisch. Sie tat das in ihrer eigenen Art und Weise – nämlich ohne Punkt und Kommata. Doch ich mochte sie, so wie sie war. Technisch gesehen war es unmöglich, dass wir beide von demselben Papa kamen, so unterschiedlich waren wir. Doch wir ergänzten uns prima, denn das was sie nicht konnte, konnte ich und umgekehrt. Wir hatten uns und konnten jede Menge Blödsinn, vor allem gemeinsam anstellen.

Irgendwann – da waren wir wohl 13 oder 14 – wandelte sich das ein wenig. Sie nahm mehr und mehr Abstand von mir und Kendra trat in unser Leben, ihre beste Freundin, ebenfalls in unserer Klasse. Ich war nicht eifersüchtig auf Kendra, doch irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass sie mir ein Stück von meiner Schwester weggenommen hatte.

Vielleicht kam mir auch deshalb Sabine gerade recht. Sicher, ich hatte keinerlei Anspruch auf Natalya’s Zeit, doch irgendwie tat es mir weh. Ich habe auch nie über unsere gemeinsame, familiäre Beziehung hinaus gedacht, doch irgendwie war da was. Viel schlimmer war, dass wir nicht mehr so offen miteinander reden konnten, wie wir es früher immer taten.

Und sie war manchmal auch ziemlich nervig, muss ich zugeben. Ich hatte neben unserem Telefon in der Küche einen Zettel, von jenem ich ihr jedes Mal die Anrufe der vielen verknallten Jungs vorlesen musste, die teils nicht mal mehr wussten, wie sie denn heißen, wenn ich das Gespräch angenommen hatte.

Heute waren die beiden wohl in Düsseldorf unterwegs und meiner einer schon fast im Land der Träume, denn Bruce Willis war weniger spannend. Ich dachte ein wenig über die Aufmachung der beiden nach, die war heute aber mal besonders scharf. Oh Mann. Ich brauchte langsam vielleicht doch wieder eine Freundin.

Vielleicht war ich aber auch ganz glücklich, dass ich mal ein wenig Zeit für mich hatte. Die Maschinengewehr-Wortsalven von meiner Schwester zuvor waren mitunter auch ganz schön anstrengend. Es schien so, als ob sie sich besonders am Frühstückstisch einen Spaß daraus machte, wenngleich Paps und ich zwar körperlich anwesend, geistig jedoch noch im Gestern verbrachten.

Die letzte Tour, die ich ein wenig erkältet fahren musste, hatte mich gewaltig mitgenommen. Ein Bauer im Dorf hatte ordentlich Kartoffeln über, die mussten irgendwie in den Sprinter und anschließend auch wieder heraus. Das war echt heftig. Bei mir schmerzte so quasi jedes Bauteil meines Rückens.

Es klingelte irgendwo im Haus. Etwas entfernt, denn ich war schon weggetreten. Irgendwann klingelte es erneut und ich kämpfte mich aus meinem Bett im Obergeschoss. Das musste unser Telefon in der Küche sein. Oh Mann, dachte ich, als ich auf die Uhr sah. Es war bereits zwei Uhr durch. Wer zum Henker nochmal hatte sich da verwählt. Es hörte auf zu klingeln. Mein Rücken schmerzte richtig. Dann klingelte es erneut. Ein wenig mehr wach sprintete ich in Richtung Küche und stieß mir den Kopf an einem Regal an, jenes über meinem Bett hing. Doch so richtig mitbekommen hatte ich nicht, dass ich mir da wohl gehörig etwas eingefangen hatte. „Micha?“ Kam es aus dem alten, schnurgebundenen Telefon. Ich brauchte einige Zeit, um klar denken und reden zu können. „Micha?“ fragte die Stimme erneut. „Ja, hier. ´Tschuldige, Ich bin nicht ganz wach. Bist Du das, Kendra?“ wollte ich wissen. „Micha, komm ganz schnell. Wir sind im , na Du weißt schon wo, und Natalya ist ganz komisch. So war sie noch nie. Kannst Du kommen?“ ignorierte mich die belegte Stimme der Anruferin. „Klar kann ich das. Ich komme, Kendra. Sofort!“. Das erwähnte Etablissement war eine Diskothek, jene sich für einige Zeit im Medienhafen einen Platz geschaffen hatte, der nicht zu verachten war. Das Ambiente war cool, doch die Leute waren alles andere als. Düsseldorfer, so fand ich, konnten im allgemeinen nur rumstehen und lästern, denn ihre eigenen Hintern bewegen.

Auch wenn mein alter Golf wahrlich nicht der schnellste und komfortabelste war, er sprang grundsätzlich an und hatte nie irgendwas. Er funktionierte einfach immer, obwohl er schon 200 tkm herunter hatte und schon die gefühlt 3. Kupplungsscheibe, denn das hab‘ ich irgendwie nicht so ganz verstanden, obwohl ich schon einiges an Fahrpraxis hatte. Durch meinen Kopf gingen tausend Dinge. Was war los mit meiner Schwester. Wer hatte ihr was getan oder was war ihr wohl passiert? Als ich von der A57 auf die A52 einbog, hatte ich endlich den Bogen raus, wie man mit nur kurzer Zugkraftunterbrechung durchschalten konnte. Es funktionierte endlich, Jacek hatte es mir schon so oft vorgemacht. Doch ich war nicht stolz auf mich. Viel mehr begann ich zu zittern und fluchte, dass diese Kiste nicht mehr auf dieser 3-Spurigen Autobahn schaffte, als 160. Schnell fahren war eigentlich noch nie so richtig ein Thema für mich, auch bekam ich nicht mit, dass das Fahrwerk mit meinem Fahrstil selbst schon mehr als überfordert war. ESP und ABS gab es damals nicht.

Ich war panisch. Ich hatte Angst um meine Schwester. Das war neu. Irgendwie beängstigend. Woher kam dieses Gefühl auf einmal? Aber ich schaffte es. Irgendwie. Mit quietschendem Reifen kam der Golf im Medienhafen zum stehen. Quasi direkt neben dem Zugang zum Club. Oh Mann, ich Dussel. Ich hatte mir keine Gedanken über mein Äußeres gemacht. Die Türsteher würden mich bestimmt niemals reinlassen.

Schon am Aufgang bemerkte ich Kendra, ihre Hände in’s Gesicht vergraben, an einem Geländer lehnend. Kendra fiel mir in die Arme, als ich sie ansprach. Sie zitterte und heulte. Es war wahrlich schwer, etwas aus ihr herauszubekommen.

„Oh mein Gott, Micha, sie ist weg!“ schluchzte sie. „Wie, sie ist weg?“. „Es ist alles meine Schuld – ich habe nicht aufgepasst“, schluchzte sie.

Ich hielt Kendra fest. Es machte keinen Sinn, die Panik noch zu verschlimmern. Hier half nur noch Logik. Ich nahm ihr Gesicht und schaute sie an. Ich versuchte, beruhigend auf sie einzureden, bedeutete ihr, dass sie bestimmt keine Schuld hätte.

Langsam kam sie mit der Sprache heraus. Sie hatten nicht viel getrunken, nur ein wenig getanzt. Das Publikum hatte auch ihnen nicht gefallen. Sie erzählte, dass Natalya sich auf einmal ganz komisch benommen hätte, ja beinahe abwesend sei. Sie hätten es auf der Toilette mit kaltem Wasser versucht und als Kendra kurz für kleine Mädchen war, musste Natalya die Toilette und auch die Disco verlassen haben. Das reichte mir. Ich winkte eher hilflos zu einem der Türsteher und hatte zum ersten Mal wieder Glück, denn er kam zu uns, als ob es eine Selbstverständlichkeit war.

„Krass, Micha, wie siehst Du denn aus?“ fragte mich Arnulf. Ich schaute zu Jacek’s Bruder hoch, der – einem Bär von einem Mann gleich – schon seit längerer Zeit für einen Sicherheitsdienst arbeitete und offensichtlich vor den Toren des damaligen Clubs für Ordnung sorgte. Das war mir neu. „Wir müssen Dich mal kurz versorgen, Micha – so kommst Du hier nicht rein, Du blutest und Dein Hemd sieht aus wie sau! Hast Du irgendwen umgebracht?“, fragte Jacek und zog Kendra und mich in’s Innere der Diskothek in einen Nebenraum. Meine Stirn schien tatsächlich ziemlich ramponiert und ich sollte wohl zusammengeflickt werden.

„Du, Arnulf, das ist alles nicht so wichtig – Ich suche meine Schwester. Dringend!“, meinte ich.

Arnulf kannte Natalya nicht. Auch die Beschreibung half nicht weiter, denn er sah jeden Abend tausende, wunderhübsche, brünette Mädels. „Alles kein Problem, kein Problem – da – schau!“, sagte er – und deutete auf einen Schwarzweißfernseher, der den Eingangsbereich bis hinunter zur Straße zeigte. Er bediente das Gerät und spulte offensichtlich ein Videoband zurück bis zur ziemlich vagen Zeitangabe, jene er von Kendra genannt bekam und oben rechts auf dem Band eingeprägt war. Es war ein Samstagmorgen im Juli 1998. Und tatsächlich, wir sahen meine Schwester, wie sie von zwei Typen aus dem Club hinausbegleitet wurde. Es war ihr offensichtlich schwer gefallen, geradeaus zu laufen und sie wurde von einem der beiden gestützt. Der andere der beiden drehte sich um und blickte zurück zu den Türstehern. Es war – ohne Zweifel – Torsten.

„Daas ist Deine Schwester, ja?“, fragte Arnulf. „Korrekt. Wo sind die hin, Arnulf?“, fragte Kendra flehend. „Rechts, sicher. Parkplatz. Ich komme mit!“, bedeutete Arnulf und meldete sich kurz bei seinen Kollegen ab.

Ekelhafte Arschlöcher

Es war ein gutes Gefühl, Arnulf dabei zu haben. Ich ahnte innerlich wohl schon, was gleich passieren würde. Ich erläuterte, nach welchem Fahrzeugtyp wir suchen müssten und Arnulf fand den aufgemotzten Nissan alsbald in einer hinteren Ecke geparkt.

Die Szene lässt sich im Nachhinein schwer beschreiben. Natalya war weggetreten, so hatte sie Gottseidank nicht mehr viel mitbekommen. Sie hatte nur noch recht wenig an, doch zum Äußersten war es wohl noch nicht gekommen – sie saß, halb liegend auf dem Beifahrersitz des Autos.

Die beiden Typen stritten miteinander, doch das war mir egal. Sie bekamen nicht mit, was sich neben ihnen tat. Dann erblickte er mich und schrak zusammen. Nachdem meine Faust Torsten mitten auf der Nase traf, lief sein Blut aus der Nase und er kippte um.

Einfach so.

Ich hatte das noch nie zuvor gemacht, war erstaunt und überrascht über mich selbst. Ich bin eher ängstlich, schüchtern, zurückhaltend. Zwar fehlt es mir nicht an Muskelkraft, doch trainiert habe ich Kampfkunst nie. Es passierte irgendwie ganz automatisch, so, als ob ein Programm ablaufen würde. Doch der zweite Typ, den ich schon fast vergessen hatte, schickte sich an, dem Auge um Auge Prinzip nachzugehen. Da war immer noch Arnulf. Der brauchte nur einen Arm, um den anderen Typen, den ich nicht kannte, festzuhalten. Ich weiß auch nicht, was Arnulf damals mit ihm machte, doch der Typ sackte wimmernd zusammen auf den Boden, ohne dass Arnulf eine Faust einsetzen musste. Irgendwann, so dachte ich, muss ich das mal lernen. Den Kerl hätte ich bestimmt nicht so außer Betrieb nehmen können, das war klar.

Kendra lief zu ihrer besten Freundin und warf ihr ihre Jacke über. Natalya war wie von Sinnen. Sie murmelte etwas und sackte dann zusammen. Es war schwer, sie aus diesem Fahrzeug zu bekommen, wenngleich sie federleicht war. Ein wenig später war sie für kurze Zeit wieder wach und ich nahm sie, so wie sie war, auf meine beiden Arme, während sie sich an meinem Hals festhielt. Mein Auto stand ja nicht weit weg.

Kendra war noch bei mir, sie schloss auf, hielt die Tür auf und ich legte sie behutsam auf die Rückbank meines kleinen Autos. Arnulf kümmerte sich derweil um die beiden Störenfriede. Nachdem er offensichtlich mit ihnen fertig war, hielt er etwas kleines in den Händen, was ich jedoch nicht genauer identifizieren konnte. Trotz der recht guten Beleuchtung war es in der Ecke, in jener sich der Wagen von Torsten befand, deutlich weniger hell.

„Schert Euch von dannen und ruft einen Arzt. Dann ruft im Club an und fragt nach mir, wenn ihr einen gefunden habt!“. Er blickte in meine Augen. „Arzt. Anrufen. Nach mir fragen!“, wiederholte er und fügte hinzu: „ich komm‘ mit diesem Abschaum schon klar!“.

Ich winkte kurz und hob den Daumen um ihm zu bedeuten, dass ich verstanden hatte. Wir fuhren. Behutsam wich ich den Schlaglöchern auf dem provisorischen Parkplatz aus und kroch aus dem Medienhafen langsam auf die Brücke über den Rhein in Richtung Heimat.

Zwischendurch musste ich anhalten, als Kendra mich darum bat. Es war keine Zeit, um von der Autobahn herunterzufahren und so nahmen wir den Seitenstreifen der Autobahn. Damals ging das noch gerade so eben. Meine Schwester entledigte sich ihres kompletten Mageninhalts. Sie war wie ein Sack Kartoffeln, hatte es sichtlich schwer, ihre Muskeln zu kontrollieren. Doch mit etwas Hilfe von Kendra und mir gelang es, sie dabei zu unterstützen.

Kendra hatte jetzt das Kommando. Ich gehorchte. Sie bedeutete, sie kurz bei ihrer Mutter herauszulassen, nur wenige Meter von unserem Haus entfernt in einem Mehrfamilienhaus. Die Alleinerziehende war Anästhesistin in einem nahegelegenen Krankenhaus, das sollte wohl so passen. Ich ließ das große Tor zu unserer Einfahrt offen stehen, ebenso die Haustüre – wie Kendra mich zuvor angewiesen hatte – und trug meine Schwester behutsam die vielen Stufen hinauf in ihr Zimmer.

Ich hatte mich hier lange nicht mehr aufgehalten. Es war wirklich süß eingerichtet, ganz meine Schwester eben. Mitten im Zimmer befand sich ein großes Boxspringbett, jenes mein Papa und ich mühevoll zusammengebaut hatten. Sie hatte sich das Ding so sehr gewünscht. Eine Chaiselongue befand sich hier ebenfalls, kurz vor dem Balkon zum Garten.

Einen Schminktisch mit einem Spiegel und mit vielerlei Dingen, die ich nicht kannte oder nicht wusste, wozu sie da waren, hatte sie neben einem übergroßen Kleiderschrank aufgebaut. Daneben befand sich eine überlebensgroße Fotografie von meiner Schwester, also eher von ihrem Rücken in Schwarzweiß. Man konnte einen Teil ihrer Brust erahnen. Eine weitere Türe neben dem Foto führte in das gemeinsam von uns beiden genutzte Badezimmer. Behutsam versuchte ich, meine Schwester in ihr Bett zu legen. Ich zog ihr die Schuhe aus und deckte sie zu, doch umgehend schlug sie die Decke wieder weg. Sie war rastlos, zitterte und schwitzte ein wenig, obwohl ihre Stirn ganz kalt war. Ich streichelte sie und hielt ihre Hand fest. Endlich bewegte sich ihre kleine Hand wieder ein wenig kontrollierter und ein Lächeln huschte über ihr zuvor fast regloses Gesicht.

Sie hielt sich an mir fest. Das war gut so aber neu für mich. Ich hatte das lange nicht mehr erlebt. Nicht von meiner Schwester.

Kendra stürmte die breiten, steinernen Stufen unserer Treppe hinauf und stolperte offensichtlich, anders konnte ich das Fluchen nicht deuten. Ihre Mutter musste bei ihr sein, denn das „Langsam!“ deutete ich als gut gemeinte Geste einer liebevollen, dennoch resoluten Mutter. Wir begrüßten uns.

Sie schob Kendra beiseite und begutachtete ihre Patientin. Puls und Blutdruck waren wohl gerade noch im Rahmen, doch die Atmung schien sie zu besorgen. Die Info, dass ein Türsteher wohl mehr wissen würde, wollte sie auf keinen Fall ausschlagen und fragte nach dem Telefon.

Wir hatten nur eines und Kendra zeigte es ihr. Die Besorgnis, vermittelt durch den Türsteher des Clubs musste wohl während des Telefonats zugenommen haben, so viel hörte ich aus dem entfernten, einseitig Verstanden durch das ruhige Haus noch heraus, zudem ein großes Paket von Wut – sie sprach lauter als laut, teilweise brüllte sie Wörter, die selbst ich noch nicht kannte.

Die Ärztin deutete Ihrer Tochter an, Natalya möge möglichst ein wenig Wasser trinken und sie müsse eine weitere Kollegin herbeirufen. Sie wollte zudem wissen, ob sie viel Alkohol getrunken hätten und beharrte auf einer ehrlichen Antwort.

Ich wich nicht mehr von der Seite meiner Schwester. Ihr liebliches Gesicht lag inzwischen auf meinem Schoß, ihre Hand krallte sich ab und an in meine, so sehr, dass es fast schmerzte. Ab und an bekam sie Krämpfe und musste sich übergeben, doch das war alles kein Problem für mich. Wir hatten es nicht weit bis zum Badezimmer und Kendra war eine prima Hilfe.

Ein wenig später erschien eine weitere Ärztin. Die wollte Blut abnehmen und hatte einen Tropf dabei, den sie Mc’Gyver gleich an einem Gürtel und der Deckenbeleuchtung befestigte. Meine Schwester, welche panische Angst vor Spritzen hatte, ließ dennoch alles willenlos über sich ergehen. Ab und an weiteten sich ihre Augen, sie krallte sich an mich, vergrub ihr Gesicht auf meiner Brust und schlief alsbald, nachdem sie alles über sich hatte ergehen lassen, unruhig ein. Ihre Atmung wurde flacher, ihre Anspannung und das Zittern ließen nach. Endlich kam sie zur Ruhe.

Die zweite Ärztin wollte Natalya zwar pflichtgemäß eine stationäre Behandlung andichten, nach Anweisungen an Kendra und mich zur adäquaten Nachtwache kam sie dennoch irgendwann zur Ruhe. Kendra und ich würden uns abwechseln.

Kendra machte es sich auf der Chaiselongue gemütlich und blickte zu uns herüber, als die beiden Ärztinnen unser Haus mitsamt einer Blutprobe meiner Schwester verließen.

Der zierliche Körper in einem mehr als aufreizenden Dress bewegte sich ruhig und kam schrittweise runter. Ich versuchte das mit der Decke noch einmal, eher aus Sorge, denn aufgrund der vielen Reize, die auf mich einströmten. Ich betrachtete das liebliche, zierliche Geschöpf, jenes sich an mich schmiegte, voller Sorge, voller Liebe. Ich konnte kein Auge zubekommen.

Ich war dankbar für Kendra’s Anruf. Dankbar für ihre Mutter, überhaupt dankbar, dass ich meine geliebte Schwester noch hatte. Die Eindrücke, die ich hatte, waren längst noch nicht verarbeitet.

Wie sehr mir meine Schwester am Herzen hing, hatte ich erst jetzt eindrucksvoll belegt bekommen. Was war bloß in den vergangenen Jahren los zwischen uns beiden. Ich hatte etwas verpasst. Natalya hatte mir gefehlt. Mehr noch, ich musste ein absoluter Idiot gewesen sein. Ich hätte mich viel mehr mit ihr beschäftigen sollen. Doch ihre teils abweisende Art machte mir das zunehmend schwerer. Ich musste unbedingt mit ihr darüber sprechen, doch nicht jetzt.

Je mehr ich sie betrachtete, je mehr ich ihre wunderschönen Gesichtszüge mit meinen Augen abtastete, ihre Schläfen streichelte und ihren auf und niedergehenden Atem spürte, desto mehr und tiefer fühlte ich mich mit ihr verbunden. Sie wich nicht von mir. Sobald ich mich einen Deut bewegte, folgte sie mir. Nur schwer gelang es mir, eine bequemere Position in ihrem Bett zu erreichen. Ihr Arm, verbunden mit dem Tropf, wurde ab und an von Kendra oder mir korrigiert, denn sie drohte, sich mit dem Plastikschlauch einzuwickeln. Ich war dankbar, dass ihre Freundin ebenso wachsam war und meinen Wachzustand bald ablösen wollte. In der Nacht musste sie den Tropf ausgewechselt haben.

Es klappte. Wir kamen durch die Nacht und mehr gerädert denn wach begannen wir den Sonntag. Natalya reagierte noch einmal panisch, als sie den Tropf im Wachzustand bemerkte, doch beruhigte sich langsam an meiner Seite. Als Natalya von Kendra begleitet in das Badezimmer ging, dämmerte ich vollends weg.

Erst gegen Mittag kam ich wieder zur Besinnung. Kendra’s „Mom“, Josephine hatte uns besucht und erklärte, was es mit dem Vorfall auf sich hatte.

Tropfen

„Das Zeug ist das letzte. Und diese ekelhaften Typen sind es ebenfalls!“, schimpfte Josephine. Da Natalya immer noch nicht ganz beisammen war, hatten wir sie nach einem sehr verspäteten, gemeinsamen Frühstück, zurück in’s Bett gebracht.

Auch heute wich Natalya nicht von meiner Seite und es war schwer, meine Schwester alleine in ihrem Zimmer zurückzulassen. Ich musste ihr versprechen, die Türe offen stehen lassen. Sie trug inzwischen nicht mehr ihr Disco-Outfit, sondern ein T-Shirt von mir.

Irgendwie hatten sich dann wohl alle bei uns verabredet. Jacek stand vor der Tür, kurz darauf hörte ich den Wagen meines Vaters. Dieses Mal war das Gepäck, jenes ich sonst immer schleppen sollte, völlig egal. Kendra’s Mutter baute sich zwischen der Treppe im Foyer und meinen Eltern auf und geleitete alle gleich in’s Wohnzimmer. Sie kannten sich. Es bedurfte nicht vieler Worte. Und auch Jacek, der bei uns ein und aus ging, war kein Unbekannter. Ich begrüßte meine Eltern und nahm beide in die Arme. Deren Besorgnis sollte sich wohl legen, doch es würde noch ein wenig dauern.

Während sich die Erzeugerfraktion im Wohnzimmer den Erklärungen von Josephine hingaben, zog uns Jacek nach draußen in den Garten, hinab zum Pool. Ich rauchte und war dankbar, dass Jacek mir meine Marke mitgebracht hatte. Obwohl wir diese „Diskussion“ ja schon öfters hatten, verheimlichen wollte ich das vor meinen Eltern nicht mehr. Mir war jetzt auch alles irgendwie egal. Ich hatte immer noch nicht ganz verstanden, was eigentlich passiert war.

Jacek begann, ohne irgendwelche Ausflüchte, zu schildern, was sein Bruder ihm erzählt hatte. Ich liebte seine Art zu erklären, doch der Inhalt war dieses Mal äußerst abstoßend. Die hinzugerufene Polizei, bei jenen er die zwei abgab, hatte offenbar noch nie etwas von Barbituraten gehört, konnten Arnulf’s Erklärungen jedoch folgen. Ebenso protokollierten sie, dass das Zeug von Torsten’s Freund stammte, sie hatten es wohl beide zugegeben, auch was sie vorhatten.

Mehr brauchte Arnulf auch nicht mehr, um ihnen ein lebenslanges Hausverbot in „seinem Club“ auszusprechen. Ob die beiden auf freiem Fuß waren oder nicht, war egal – sie würden die Folgen schon noch zu spüren bekommen, wie ich mir selbst schwor, nachdem ich endlich verstand, was K.O.-Tropfen eigentlich bewirken.

Ich war stinksauer. So sauer, dass ich meinte, eine gebrochene Nase würde noch nicht ausreichen. Jacek versuchte, mich zu beruhigen. Doch es half nichts. Irgendein Gegenstand musste dran glauben.

„Respekt, übrigens! Mein Bruder schwärmt von Deinem Haken!“ stellte Jacek fest, während er die Tonscherben eines Blumentopfes aufsammelte. „Sorry – Ich – Ich…“ stammelte ich, „Ich wusste gar nicht, dass ich sowas überhaupt kann. Mir ist einfach nur die Sicherung rausgeflogen, glaube ich“, stellte ich fest, während ich ihm erschrocken half, die Reste irgendeiner exotischen Pflanze zu entsorgen. Mein Zeh schmerzte.

„Naja, den Scheißkerl hast Du erledigt und zwar allererste Sahne. So wie es sich gehört. Mit Verlaub, dann ist auch endlich Ruhe in unserer Stufe. Du hast mit Sicherheit neue Fans!“, meinte Jacek.

„Dein großer Bruder und Kendra haben uns da wohl eher gerettet. Wären beide nicht so geistesgegenwärtig… Scheiße – Ich will gar nicht drüber nachdenken!“, schauderte ich

Kendra setzte sich zu uns. „Häseken, wir müssten sowieso mal miteinander reden!“, meinte sie und legte ihren Arm über mich. „Worüber?“ wollte ich wissen, doch Kendra lehnte ab. „Nicht jetzt, süßer. Nicht jetzt. Eines aber lass Dir gesagt sein, so lieb Du auch bist, aber über uns Mädels musst Du noch eine ganze Menge lernen…“

Wütend

Der Nachmittag verging. Es gelang irgendwie, Gespräche herbeizuführen. Ich selbst hatte noch Probleme mit Kendra’s letztem Satz, meinte jedoch, dass ich das ein wenig später noch verarbeiten könne. Der Pool war verlockend und eine gute Abkühlung und vielleicht auch eine Ablenkung. Jacek hatte zunehmend Probleme damit, Kendra in ihrem Bikini zu betrachten und wurde ab und an rot im Gesicht. Immerhin mal etwas schönes, wie ich in mich hineinbringend feststellen musste.

Es musste nicht viel gesprochen werden, alle waren da und alles war irgendwie gesagt, und doch, dar war noch etwas, das musste Anastasia noch loswerden: „Das kann nicht sein, dass die so davon kommen!“

Sie hatten schon alles, was sie brauchten, um Recht und Ordnung zu bekommen. Es war protokolliert, es gab eine Blutuntersuchung und sogar Haarproben. Es gab ein Geständnis und es gab ein Beweismittel. Es war zwar über die Maßen schwer, so etwas nachzuweisen, doch anhand der Bestimmung des Mittels, dessen Bezeichnung sie von Jacek’s Bruder genannt bekommen hatten, musste es den Laboren ein Leichtes sein.

Sie würden, sofern Natalya dem zustimmte, sie bei einer Anzeige unterstützen. Alle, wie sie hier saßen, soviel stand fest. Doch da war noch ein wenig mehr, denn Kendra wurde zunehmend unruhig.

„Hömma, Du Blitzbirne!“, meinte sie mich, als sie – zurück von meiner Schwester – wieder zu uns stieß: „Ich fand‘ die Tussi zwar richtig blöd, aber ich finde, Du solltest Dich noch mal mit Biene unterhalten!“, stellte sie fest. „Schließlich bin ich daran ja auch Schuld. Mein ja nur…“

Ich brauchte zwar etwas, doch irgendwie sprang dann doch der richtige Gedanke zu den passenden Synapsen. Ich sackte innerlich zusammen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

„Oh, mein Gott!“, vernahmen die anderen von mir.

Und so fügte sich das Puzzle langsam zusammen. Was für widerliche Kerle. Ich wollte eigentlich nicht, doch fair war ich immer. Das gehörte sich so und ich wollte tatsächlich wissen, ob es ihr gut ging, selbst wenn wir uns schon deutlich vor dem letzten Ereignis mit Torsten auseinander gelebt hatten.

Sie war mir am Telefon nicht wirklich böse, doch es dauerte ein wenig, bis das Eis gebrochen war. Sie bestätigte in Ansätzen, was wir dachten. Sie erklärte sich bereit, uns zu besuchen, wenn die Zeit reif war. Ich war ihr dankbar, dass wir so offen reden konnten und sie es zudem im freundschaftlichen noch einmal mit meiner Schwester versuchen wolle. Sie erlaubte auch ein Gespräch mit Kendra, die darauf brannte, sich zu entschuldigen.

Paps rief jemanden an. Seine Kontakte reichten offenbar aus, um herauszufinden, dass Dr. Plattes das Land nicht verlassen hatte, sondern seinen Urlaub mit „Fischen“ verbrachte. An einem See in unmittelbarer Nähe. Der Rektor unserer Schule würde gegen Abend bei uns vorbei kommen.

Papa machte in den Abendstunden irgendwann das, was er immer tat, wenn irgendwas nicht stimmte: Er begann einfach zu kochen. In der offenen Küche hatte er einigen Abstand zu den restlichen Gästen, es half ihm, sich zu beruhigen. Er hing an Natalya. Auch Anastasia brauchte dringend Hilfe, alles zu verarbeiten. Josephine war recht gut darin und die beiden Frauen begannen, sich ausgenommen gut zu verstehen.

Anastasia bereitete gemeinsam mit Josephine unter dem Sonnensegel im Garten den Tisch vor. Ich bekam von alledem nichts mehr mit, denn ich war schon längst nicht mehr bei den anderen, ich war bei meiner Schwester.

Neuer Anfang

Natalya lag in ihrem Bett, befreit von den Plastikkabeln, in einem T-Shirt, welches sie offensichtlich von mir gemopst hatte. Sie war wohl nicht ganz weggedämmert, denn sie bemerkte mich umgehend und streckte lächelnd eine Hand zu mir aus. Ich nahm sie und legte mich neben sie, ganz so, wie sie es mir befahl. Wir mussten nicht reden. Sie zog mich an sich, und so löffelten wir in ihrem Bett unter ihrer Decke. Sie roch großartig. Es schien fast so, als ob ich eine beruhigende Wirkung auf sie hatte. Doch während Ihr Puls nach unten ging, schoss meiner nach oben. Sie zog meine Hand an ihr Herz, und so konnte ich fühlen, wie sie entspannte.

Doch für einen Jungen in meinem Alter war – mit Verlaub – nicht ganz unbemerkt, dass ich eine wunderschöne, feste „Brust“ in meiner Hand hielt, nämlich jene meiner Schwester. Eine kuriose Situation. Ungewohnt, nicht unangenehm. Spannend. Knisternd. Gottseidank war immerhin noch ein T-Shirt zwischen meiner Hand und ihrer Haut. Dummerweise regte sich bei mir umgehend noch etwas anderes, und das war jetzt wirklich richtig unangenehm.

„Du scheinst meine Hupen zu mögen“, stellte Natalya säufzend fest. „Ich, ähm, Lütte, ich meine…“ stotterte ich. „Schon OK, sofern es für Dich auch gut so ist“, entgegnete sie und räkelte sich ein wenig. „Kannst Du die da lassen? Das fühlt sich gut so an. Es ist alles in Ordnung, wirklich“, meinte sie und gab einen Kuss auf meine Hand.

Was zum Geier nochmal war hier los, fragte ich mich, als die Situation sich ein wenig später noch einmal schlagartig änderte. Ich wusste noch nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht, denn Kendra platze förmlich herein. Zumindest fühlte sich das so an, denn richtig bemerkt hatte ich sie nicht, viel mehr ihren vergnügten Aufschrei:

„OOOOah! Ihr beide seht ja soooooo goldig aus!“,

stellte sie strahlend fest, gefolgt von einem „Äääh – Sorry, aber, *hust* Essen?“, ertappt ob des Einbruchs in die Privatsphäre von Bruder und Schwester verschwand sie gleich darauf wieder. Womöglich würde sie den Herrschaften im Garten alles haarklein erzählen.

Natalya drehte sich um und schaute mir in die Augen. Es dauerte ein wenig, bis sich meine Pupillen scharf stellten. Anschließend konnte ich sie betrachten. Ihre Grübchen, ihre Stupsnase, die Farbe ihrer Iris, bis hinein in ihre Seele. Sie lächelte.

Natalya war – wie ich – fast noch ein Kind und doch eine ganze Ecke erwachsener, wie ich immer fand. Ich wollte etwas sagen, doch sie kam mir zuvor. „Es ist alles gut so, wie es ist, mein großer Held“.

Sie wusste wohl doch zu gut, was am Abend zuvor passiert war. Ich hatte gehofft, dass sie einen Filmriss hatte. Ich konnte nicht verstehen, wie sie das ertragen, ja sogar erdulden hatte können. Das wollte nicht in meinen Kopf rein, doch im Moment war es nicht die Zeit dazu, sich solche Gedanken zu machen. Primär war mir wichtig, dass es meiner „Lütten“, wie ich sie wieder nannte, gut ging. Ich hatte Gewissensbisse und Schuldgefühle, und auch die konnte sie von meinen Augen lesen. „Alles gut, wirklich!“, meinte sie und machte eine Pause. „Ich wollte wirklich nicht“ wollte ich sagen, doch sie unterbrach mich: „Großer, wir müssen da wohl oder übel jetzt runter. Ich will zwar nicht, aber essen müssen wir schon und das wird diese fürchterlichen Kopfschmerzen hoffentlich auch vertreiben.“

„Klar“, stellte ich fest, „nur – ich *ähem* – also, es. Ich meine. Also es geht gerade nicht. Also bitte nicht jetzt!“

Und dann passierte es.

Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und gab mir einen Kuss. Zunächst nur einen kleinen, so wie zwischen Bruder und Schwester. Doch dann, ganz anders. Und zwar so, dass es mir die Socken auszog. Das Feuerwerk breitete sich in mir aus, ganz so, als ob ich noch nie in meinem Leben richtig geküsst hätte. Mein Herz schlug Purzelbäume. Mein Kreislauf drehte komplett frei. Ich versank in ihr und sie in mir. Ein Umspannwerk hätte neidisch werden müssen, als sich unsere Zungen berührten. So etwas hatte ich in meinem ganzen – zugegeben noch sehr kurzen – Leben noch nicht erlebt.

Ich hatte ja sowas von gar keine Ahnung. Ihr musste es da ganz ähnlich gehen, denn ich spürte auch sie und wie es ihr ging. Es war zugegeben mehr als erotisch. Es war doch noch viel mehr ein Ausdruck voller gegenseitiger, ganz unschuldiger Liebe und tiefer Zuneigung.

Wir übersahen, dass man mit Sicherheit in ihr Zimmer hätte blicken können, denn die Fenster zum Garten waren bodentief, ebenso war die Balustrade aus Glas, und Kendra hatte dummerweise das Licht eingeschaltet gelassen, als sie in ihr Zimmer platzte. Doch ein wenig visuelle Deckung bot uns noch die Chaiselongue in jener Kendra zuvor die Nacht über uns wachte.

Es war wohl Jacek, der einen lauten Pfiff abgab, welcher unüberhörbar, doch weit entfernt zu uns durchdrang. Wir erschraken.

Es gelang uns nur schwer, uns voneinander zu lösen. Das ziemlich große Problem, welches ich in meiner Hose hatte, wollte sich indes immer noch nicht lösen. Der Kuss machte es da wirklich nicht einfacher. Zudem musste ich mal. Natalya musste grinsen. „Wenn Du willst, gehe ich vor Dir her. Draußen ist es ja schon dunkel.“

„Geh‘ Du besser doch schonmal. Ich muss noch mal kurz für kleine Jungs!“, meinte ich. „Ich warte auf Dich“, meinte sie bestimmt und ich stand auf und verschwand im Bad. Ich ging erst auf und ab, doch der Druck auf meine Blase erhöhte sich zunehmende also versuchte ich es.

Außerhalb des Bades musste es sich zum Schreien anhören. Ob der kurzen Wasserstöße und dem schmerzerfüllten Stöhnen zwischendurch hörte ich ein Kichern von draußen. Auch ich musste grinsen, lachen und – oh Mann tat das weh. Meine Güte. Aber irgendwie hatte ich das dann doch hinbekommen und wusch mir die Hände. Der Blödmann in meiner Hose gab endlich Ruhe.

Als wir das Wohnzimmer zum Garten hinaus verließen, sogen wir die Luft in uns ein. Ich vernahm einen Seufzer von ihr und die Gänsehaut auf ihren Armen. Es war angenehm. Zwar noch warm, doch nicht mehr so schwül wie in den vielen Tagen zuvor. Sonst war es immer ein Schlag, wenn man aus der Kühle des Hauses in diesen Sommer hineinging, doch heute nicht. Die Sonne hatte sich verabschiedet und von dem großen Tisch dämmerte das Kerzenlicht herüber. Wir mussten die Zeit vergessen haben.

So hatten wir auch nicht den Besuch des Rektors und der Polizei mitbekommen. Gottseidank, will ich im Nachhinein meinen. Es sollte sich alles klären, doch davon wussten wir in diesem Moment noch nichts. Es würde wohl eine Konferenz geben, in jener aufgeklärt werden sollte, wer von den Mädchen in unserer Stufe noch in die Fänge der beiden geraten war. Die Fäden wurden im Hintergrund gezogen. Hannes konnte das gut.

Wir bemerkten andere Dinge. Zum Beispiel war herrlich gedeckt. Und die Stimmung der Gäste war gut. Die Zweierbank, jene sonst regelmäßig unsere Eltern in Beschlag nahmen, war noch frei, und wir steuerten jene an. Es gelang uns gerade so eben, nicht wie ein verliebtes Pärchen auszusehen. Viel mehr lehnte sich Natalya schutzsuchend an mich. Ich meinte, den brauchte sie damals auch.

Es waren zu viele Besucher da. Ich wusste noch gar nicht so viel damit anzufangen, hatte ich in dem Moment auch eher Probleme damit, meine Schwester als das zu sehen, was sie zweifellos war: Ein unheimlich heller Kopf mit einer Erscheinung, die einem sprichwörtlich den Atem rauben konnte. Wir würden darüber reden müssen. Doch auch wieder nicht jetzt.

Sicher, die Anwesenden gaben sich auch alle Mühe, ihre Neugier über Natalya’s Wohlbefinden zu verbergen, doch schwer war es ihnen damit schon, das war offensichtlich. Sie versuchte zu klären, doch eine belegte Stimme war ihr ein wenig hinderlich. Es gelang ihr einen Moment später: „Heeey, es ist alles gut. Wirklich“, versuchte sie mit ihrer wieder gefundenen, zuckersüßen Stimme zu beruhigen. „Dank meinem Helden hier und Kendra ist mir nichts geschehen, außer dieser furchtbaren Kopfschmerzen und diese Übelkeit heute morgen. Ich habe nichts bleibendes!“, meinte sie jetzt ein wenig bestimmter. „Könnt Ihr jetzt mal bitte wieder so sein, wie ihr sonst immer so seid?“

Das reichte offenbar aus, dass Anastasia umgehend die Tränen kamen. „Ach Kind!“, stellte sie fest und rannte zu meiner Schwester und nahm sie in die Arme und drückte sie, dass ich wahrhaft Sorge hatte, dass sie noch Luft bekam. Auch Kendra war ein wenig später bei ihr und selbst Hannes und sogar Jacek mussten einen Klos mit einem Flens herunterspülen. Beide kamen alsbald herüber. Josephine schaute vergnügt zu doch auch sie nahm ihre zweite Tochter alsbald in die Arme.

Ich vernahm die Tränen in Paps Augen sehr wohl, jene er sich beschämt wegwischte. Ich nickte ihm zu. Der alte Haudegen war offenbar doch nicht so seefest, wie er immer tat.

Es dauerte, bis sich alle fassen konnten.

„Morgen spielt der BVB. Gehen wir in die Kneipe oder schauen wir bei Euch?“ brach Jacek die drückende Stimmung und es half wirklich. Es löste sich, und auch ich kam alsbald wieder in geordnete Bahnen. Wenn, ja wenn da nicht diese zierliche Hand rechts von mir in meiner eigenen gewesen wäre. Und dieser Geruch. Und diese Stimme, die ich ab und an vernahm. Und überhaupt! Ich hoffte, nein ich betete inständig, dass niemand mein Gefühlsdurcheinander auf das zurückführte, was es tatsächlich war: Eine Verknalltheit, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Es war schwer, mir das einzugestehen. Auch wenn es sich verboten anfühlte. Sowas hatte ich bislang nicht erlebt. Aber es fühlte sich gut an. Denn es war echt. Das hatte ich bei unserem ersten Kuss eindrucksvoll erfahren. Es konnte gar nicht anders sein. Aber es konnte eben doch nicht sein wie es war. Es darf nicht so sein. Oder doch? Natalya, die hatte unlängst so furchtbares durchgemacht, wie konnte sie überhaupt Typen noch mögen? (Typen war ein damaliger, abwertender Begriff für das männliche Geschlecht unserer Gattung) Wie war das möglich? Und mein verfluchter Ständer vorhin. Ich meine, ich bin ja eben auch nur einer von diesen „Typen“, dachte ich. Wie konnte sie sich überhaupt an meine Hand klammern? Gerade in diesem Moment? Ich verstand das alles nicht.

Ich begriff anscheinend nur, dass das einzige, was ich derzeit tun konnte sehr wohl war, jenen Spielfilm, welcher da gerade ablief, weiter laufen zu lassen. Vielleicht brauchte ich mal eine kurze Werbeunterbrechung, aber es war wohl schon spannend, das musste ich zugeben.

Doch da gab es jemanden, der nur zu gut verstand, wie mir dämmerte. Die Person saß schräg gegenüber bei ihrer Mutter und lächelte, als sie meine fragenden Augen bemerkte. Sie bedeutete mir ein Nicken und machte eine beruhigende Geste mit ihrer Hand.

Kendra war ganz offensichtlich nicht die Regisseurin dieses Films, aber sie kannte zumindest einen Teil des Drehbuchs. Ihre Geste half, mich zurechtzufinden. Ich nahm es so, wie es passierte.

Die Carbonara waren göttlich. Hannes hatte sich wieder einmal übertroffen. Die Nudeln waren eben hausgemacht und nicht aus der Packung. Und diese Carbonara, nein, das Rezept wollte er nicht rausrücken, musste Josephine feststellen. Aber sie taten der Seele gut. Natalya lachte, als sie ihre Spaghetti aufrollte. Es war unglaublich schön, sie so vergnügt und hungrig zu sehen. Für alle. Es schien so, als ob Natalya das Wohlbefinden aller in ihren Händen trug.

Hannes schob mir ein Flens rüber – in seiner üblichen Manier – und meine Reaktion war Gottseidank irgendwie noch da.

Natalya rümpfte wohl ihre Nase und ich begriff umgehend. Jacek war ein dankbarer Empfänger für das kühle, herbe Getränk und Hannes entschuldigte sich, dass er sich nicht zuerst um ihn gekümmert hatte. Sein Sohn wollte offenbar kein Bier, das schlug er sonst doch niemals aus? Tja. „Wir hätten dann hier auch noch Beaujolais du Texas (er meinte damit abwertend Cola), oder diesen herrlichen Ott-Rosé, den Du säufst wie ein Mafiosi – wenn’s genehm ist, Eure Hoheit?“ fragte er mich scherzhaft. Ich nahm letzteren Vorschlag dankbar an. Auch Natalya war ganz froh, als wir unser Glas teilten. Es bedurfte keiner Frage. Ein wenig später stand der Kühler schon neben uns, gefolgt von einem „Banausen!“ meines Vaters.

Erst im letzten Urlaub hatten wir uns wieder kistenweise in Hyères mit dem fabelhaften Getränk eingedeckt, welches in quasi jedem Restaurant unseres Lieblingsdomizils verfügbar war. Ein Stückchen Urlaub, gegossen in Flaschen. Ich war gerade mal 18 1/2, doch das war uns beiden sehr wohl geläufig. Anastasia ging offenbar das Herz auf, als sie uns betrachtete und erneut kamen ihr die Tränen. Dieses Mal offensichtlich vor Freude.

Mindestens sechs „Clos Mireille Domaines Ott Rosé“ und einige Martinis, einen Singlemalt und eine Zigarre meines Vaters hatten wir durchlebt, bis unsere Eltern auch annahmen, dass wir beide offenbar rauchten. Bislang konnten wir das immer mehr oder weniger erfolgreich verbergen. Es gab keine Diskussion.

Ein Ersatz für das Verstecken unserer Gefühle im Moment offenbar. Kendra bemerkte erneut, dass es Natalya war, jene sich zwei Zigaretten zugleich anzündete und eine davon mir gab. Kendra schüttelte zwar leicht mit dem Kopf, doch es ging unbemerkt über die Bühne, hatten wir doch zuvor schon einige Davidoff’s hinter uns, unsere Eltern waren zu den Klängen von Paolo Conte und der vielen Alkoholika sowieso schon angeheitert.

Natalya musste sich wohl fühlen, zumindest hatte das den äußeren Anschein, so wie ich sie erlebte. Sie lauschte mehr, als dass sie erzählte. Es gab nicht viel, was sie sagen wollte, viel mehr schien sie zu genießen. Sie genoss, dass sie umgeben war von Menschen, die sie so liebten, wie sie war.

Irgendwann lehnte ihr Kopf auf meiner Schulter. Auch Kendra schien vergnügt bei dem was nur sie sah. Als sie an meinem Ohr vorbei kam, vernahm ich ein geflüstertes „endlich!“. Sie strich über unsere beiden Köpfe und kleidete uns in eine von den vielen Decken, welche bereit lagen. Kuschelig.

Ich war immer noch nicht ganz bei meinen Sinnen. Ich roch, ich hörte und ich fühlte. Ihre duftenden Haare, ihre Wärme, ihre Haut, ihr Schaudern, ihre Stimme. Es war überwältigend und ganz neu. Ganz anders.

Aber!

Das auf dieser Bank an mir zusammengekauerte Geschöpf schien bald schon wieder im Reich der Träume. Ihre Hand regte sich noch, denn immer wieder glitten ihre Fingerspitzen durch meinen Handrücken und verursachten mit jedem Strich ein Wohlbefinden das ich so auch noch nicht kannte. Ungern wollte ich deswegen diese Situation verlassen, doch Natalya brauchte wohl oder übel Schlaf. Und auch ich konnte einiges davon vertragen. Ich schaute wortlos hinüber zu den anderen und das Verständnis aller wurde uns liebevoll zugesprochen. Nach einer kurzen Verabschiedung begleitete ich meine Schwester hinauf. Sie ging voran und ich bewunderte, was da vor mir die Treppe hinauf lief.

Himmel, das war meine Schwester überkam mich ein letztes Mal mein Gewissen.

Als ich zurück in den Garten blickte, bemerkte ich Jacek und Kendra auf unserer Bank. Unter unserer Decke. Na wenn das nicht mal was zu bedeuten hatte. Aber ich konnte mich ja auch irren. Ich hatte ja sowas von keine Ahnung, wie mir Kendra zuletzt bewusst machte.

„Du hör mal, wir…“ meinte ich und musste schlucken. Sie unterbrach mich: „müssen reden. Ich weiß. Morgen. Bitte! Nicht jetzt. Geht das?“ fragte Natalya. Ich nickte. Sie zog mich in das Badezimmer und zum ersten Mal seit langer Zeit putzten wir wieder gemeinsam unsere Zähne. Sie nahm – wie damals – ein wenig von ihrem Schaum und drückte ihn mir mit ihren Zeigefinger auf die Nase und grinste schelmisch.

Nachdem wir die Katzenwäsche erledigt hatten, betrachteten wir uns gegenseitig im Spiegel. Natalya strich über ihren flachen Bauch und musterte mich. Dabei spielte sie mit einem Bauchnabelpiercing. Der kleine Delfin, der auf ihrem Nabel tanzte, passte herrlich zu ihr. Er unterstrich ihre äußerliche Unschuld, ein perfektes Passepartout für ein noch schöneres Gesicht. Es war zu unserer Zeit ein Tabu, doch Natalya hatte sich immer über alle Tabus hinweggesetzt. Grenzen – so fand sie – waren dazu da, sie zu überwinden. Offenbar hatte sie nichts an mir auszusetzen. Ich fand zwar immer, dass ich nur „durchschnittlich“ war, doch es schien ihr offenbar zu gefallen, wie sie bekundete: „Schöner Mann!“. Sie nahm ein Handtuch und rieb mir die letzten Wassertropfen aus dem Gesicht. Anschließend legte sie es mir um den Hals und zog sich daran hoch. Ein Kuss. Ich meine, ein gewaltiger Kuss. Ihre Zärtlichkeit war umwerfend. Mein Herz raste und schlug erneut Purzelbäume. Auch dieses Mal konnte ich das in meiner Hose nicht kontrollieren, denn sie fühlte sich großartig an. Ich wagte aber nicht, mehr als ihren Rücken zu berühren, doch ihre wunderschönen Brüste, die mich alleine durch ihre Berührung durch Stoff auf meinem Oberkörper wahnsinnig machten, besorgten mir den Rest. Es fühlte sich aufregend an, sie so in meinen Armen zu halten.

Doch es kam zurück. Das, was ich zuvor mit ihr erlebt hatte und das, was zwischen uns nicht sein durfte.

„Kannst Du diesen hübschen Kopf mal abschalten?“, fragte sie, als sie mein plötzliches Zögern bemerkte. „Es ist schwer. Du weißt schon, was Du mir bedeutest?“, fragte ich. „Jetzt schon!“, stellte sie mit großen, unschuldigen Augen fest, lächelte und gab mir einen weiteren Kuss.

Im Flur, zwischen unseren beiden Zimmern schauten wir uns gemeinsam um. Es war schon klar, dass wir nicht alleine die Nacht verbringen wollten, doch problematisch war das schon. Es kamen die Gewissensbisse, wohl auch bei ihr. Und so verabschiedeten wir uns mit einem weitern Kuss.

Ich blickte ihr nach, während sich ihre Tür hinter ihr schloss und lehnte an meiner eigenen Zimmertüre. Ich war hellwach, meine Müdigkeit verflogen. Jeder einzelne meiner Sinne war geschärft. Ein paar Laute der ausgelassenen Stimmung im Garten drangen zu uns herein, doch zurück nach draußen wollte ich nicht, mein Kopf selbst war noch zu durcheinander.

Das geht so nicht, das geht so nicht, das geht so nicht – dachte ich für mich – doch die Bilder und das Gefühl, welches meine Schwester an meiner Seite hervorrief, all das ging nicht aus meinem Kopf. Sie hatte mich komplett kalt erwischt, und das war ihr mit Sicherheit klar.

Zurück in meinem Zimmer ging ich auf und ab. Ich grübelte. Es war stickig, also öffnete ich die Glasschiebetüre zum Balkon, jenen meine Schwester und ich teilten, und die Gespräche waren jetzt wieder klar zu vernehmen. Eine Davidoff wollte ich noch genießen und zündete mir sie an, als ich die anderen im Garten beobachtete.

Die Sterne waren klar. Vielleicht war es sogar die Sternschnuppe, die an mir vorüberzog, welche für alles, was da kommen mochte, verantwortlich war.

Ich hatte vielleicht zwei oder drei Züge weg, da umklammerten mich zwei Arme von hinten. Ein Kater hätte wohl geschnurrt. „Gibst Du mir die mal?“, fragte sie, und ich reichte sie ihr.

Sie blickte mich musternd an und stieß den Rauch aus. Mein T-Shirt war mit Sicherheit schon einige Male zu viel gewaschen, doch sie sah hinreißend darin aus. Es reichte ihr bis knapp über ihr Höschen. Sie schmunzelte, als sie meinen Blick bemerkte.

„Was?“, fragte ich. „Wie Du mich anschaust – Ich hab‘ doch gar nichts gemacht?“ gab Natalya mit unschuldiger Mine an. „Nun, du stehst hier, in meinem T-Shirt und rauchst meine Zigarette“, lachte ich. Sie grinste.

„Scheint Dir aber zu gefallen. So schaut’s zumindest aus…“, meinte sie. ‚Mehr, als Du ahnst‘ wollte ich laut sagen, doch es gelang mir nicht. Stattdessen frage ich „Was soll ich bloß machen. Das, was ich denke, ist nicht richtig. Und ich glaube fast, das was Du denkst, darf man auch nicht denken.“

„Immerhin ist es schön, zu wissen, dass ich damit endlich nicht mehr alleine bin“, stellte Natalya fest – das endlich zog sie dabei in die Länge.

Puuh! Welch‘ Erstaunen. Da saß mir meine Schwester gegenüber und erklärte mir in einem ziemlich kurzen Satz das komplette Lagebild. Tja, Kendra war – wie immer – schon drei Schritte voraus.

‚Endlich‘ hatte sie gesagt. Übersetzen sollte ich das wohl in ‚Du herzloser Vollpfosten! Ich sitze hier seit 6 Jahren und warte auf Dich, und Du Blitzbirne hast nichts anderes im Kopf, als mit Sabine vor meiner Nase rumzumachen!‘.

Es war mir immer schon schwer, irgendwas in irgendwelche Worte zu fassen. Zumindest für mich. Noch schwerer war es, irgendwas zu verstehen. Technisches war problemlos drin, Einsen und Nullen begriff ich. Klare Handlungsanweisungen und Hierarchien. Auch verstand ich etwas von physikalischen und sogar biologischen Dingen. Das war’s dann aber auch, wie ich immer wieder feststellen musste. Getroffen blickte ich sie an.

„Komm‘ mal her“ meinte sie. Sie zog mich zu ihr ran und gab mir die Zigarette zurück. Nachdem ich meinen Zug hinter mir hatte, schaute sie mir in die Augen und erklärte „Wir kriegen das schon hin. Bestimmt!“

Sie wusste offenbar schon genau, was sie wollte. Nachdem ich noch ein wenig meinem Laster frönte und die Zigarette anschließend ausdrückte, zog sie mich hinter ihr her, durch die wehenden Gardinen hinein in ihr Schlafgemach. Ich bejahte ihre Frage „Bleibst Du heute hier?“ mit einem Nicken und folgte ihr, nachdem ich mich meiner Hose entledigte und in T-Shirt und Boxershort bekleidet in ihr Bett folgte.

Kein Licht. Nur Wind, Lachen von draußen, ein paar Eulen, Blätterrascheln, angenehme Wärme, ihr Geruch, ihr schlagendes Herz und ihr Atem war zu vernehmen. Immer ruhiger ging es hinab in das Reich der Träume.

Als der Mond über die Bäume stieg, sah ich ein wunderschönes Gesicht, welches auf meiner Brust auf und nieder ging. Sie hatte sich katzengleich an mich gekuschelt und schien fest zu schlafen. Sie sah so friedlich und lieblich aus. Es fühlte sich wunderbar an, ihr so nahe zu sein. Sie schien es zu mögen, wenn ich über ihren Nacken strich. Sanft stieg auch ich hinab in das Reich der Träume.

Im Schlaf wurde sie unruhig, suchte meine Hand und fand sie.

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Diese Sexgeschichte wurde von dafoe veröffentlicht.

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